Dienstag, 12. August 2008
Wodka und Wurstwasser
Dieses Szenario fasst in etwa das Wochenende zusammen, was ich gerade hinter mir habe, und es hat mir wieder bewiesen. Schlimmer geht immer. Aber gelacht habe ich dennoch. Und zugegeben, manchmal ist genau das auch alles, was man noch tun kann.
Murphys Gesetze haben alles gegeben. Und so begann das Spiel am Freitag schon mit beeindruckender Durchschlagskraft. Ich habe vollbepackt mit Zelt, Schlafsack etc. im Zug gesessen und darauf gewartet mit meiner Freundin in der Provinz auf einem Festival zu arbeiten.
Das schöne an dieser Geschichte ist die Jungfräulichkeit, mit der man an die Sache rangeht und die Vorstellung, die bis ins letzte nicht der Realität entsprach. „Es wird so schön werden!“ , sagten wir einander und irrten so sehr, wie wir noch nie zuvor geirrt hatten.
Später werden sie verstehen, dass wir direkt am Eingang zum Höllenschlund standen.
Aber wenigstens saß ich nicht allein in der Scheisse.
So saßen wir also im Zug, hörten kleinen Mädchen beim Reimen zu und stiegen irgendwann nach zig mal Umsteigen im Nest Eschwege aus.
Dort angekommen schwitzen wir unter der Last der Taschen und warteten auf den Schuttlebus, der uns und alle anderen zum Festplatz des Open Flair Festivals fahren sollte. Am Festplatz angekommen begann ein Wochenende, von dem ich immer noch nicht glauben kann, dass ich es überlebt habe. J Sagen wir es so : Wir hatten die EREIGNISKARTE.
Wir wussten weder, wo wir genau arbeiten sollten, noch schlafen sollten. Und so taperten wir zum Zeltplatz der Partyleute, der 20 min irgendwo im Nirgendwo lag. Dort angekommen teilte uns „Rainer“ mit: „Du kommst hier nit rein! Weil uns das rote Bändchen fehlte. Nachdem Siggi und Co. uns auch nicht helfen konnten und unser Chef selbst nicht wusste, was los ist, Taperten wir zum einzig anderen Zeltplatz in der Umgebung, ebenfalls 20 min Fußmarsch. Es war ein etwas kleinerer ruhiger Zeltplatz weit vom Festplatz entfernt, auf dem ich alle Taschen von mir warf und bereits Rückenschmerzen Richtung Beckenbruch hatte.
JA! Wir waren richtig. Wir wurden auf eine Parzelle zugeteilt und hatten immerhin noch 2 Stunden Zeit zu „laden“ bis wir auf dem Festplatz sein mussten um für das Wochenende eingewiesen zu werden.
„Komm, eben noch Zelt aufbauen, und dann in Ruhe wieder da hin laufen.“ Und die Misere nahm ihren Lauf. Binnen Minuten färbte sich der Himmel in ein tiefes Grau, und ehe wir das Innenzelt aufgestellt hatten, schüttete es, wie aus Eimern. Wir waren im Ansatz überfordert und der Aufbau entwickelte sich zu einem unbewältbaren Akt. Der letzte Schritt zeigte, dass der erste der falsche war. Erst lachten wir, dann überlegten wir, wir drehten, versuchten, und irgendwann schwiegen wir , bauten alles wieder ab, rammelten die Heringen, die wir unter größter körperlicher Anstrengung in den Betonboden getreten hatten, wieder raus und begannen von neuem. Zum größten Teil vergeblich.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal die erste Begegnung mit dem Besitzer des Nachbarzeltes zitieren:
„ Na? Haben sie Schwierigkeiten?“
„Ehrlich gesagt, ja, und was für welche!“
„Hatte ich beim ersten Mal auch. Tschüss!“
„ÄHHHH???“
Nachdem uns dann ein anderes Paar, was ebenfalls Mühen hatte, eine Eisenstange gab, schafften wir es die Heringe wenigstens im Ansatz in den Boden zu kriegen. Nun stand das Aussenzelt, völlig durchnässt und halb gesichert, wir davor, verschwitzt und müde.
Da die Zeit raste, schmissen wir alle Sachen in das halb aufgebaute Zelt und suchten den Weg zum Festgelände. Wir sahen aus, wie wir uns fühlten und Murphy dürfte diabolisch gelacht haben ….und es kam alles noch schlimmer.
Unser Chef empfing uns und alle anderen angereisten Mitarbeiter eine halbe Stunde zu spät und wies uns ein.
Die Einweisung beschränkte sich auf ein Mitarbeiterbändchen, ein Becks-Tshirt und etwa 10 Androhungen, was er tun wird, wenn wir essen, trinken, reden, rauchen, klauen, atmen etc. Ende der Durchsage.
Zitat: „Trinken is nich und wenn ihr was trinkt und wenns nur ein Schluck is, mir scheiss egal, ich schmeiss euch raus.“ (Zitatende)
Ich musste lachen, weil alle anderen ihr Zelt noch auf dem Rücken trugen, und ich mich fragte, wann sie es aufbauen wollten, wenn wir doch jeden Tag 10-15 Stunden Bier ausschenken sollen. Doch ehe ich mich versah, latschten wir auch schon wieder zurück zum Zeltplatz um den anderen den Weg zu zeigen. Wir verlangten nach Kilometergeld.Dort bauten wir im Trockenen unser 2-Mann Zelt zu Ende auf.
Damit fertig liefen wir erneut den ganzen Weg zurück in einem modisch unterirdischen nachthemdähnlichen Beck´s Shirt, von dem ich mich fragte, ob wir es das ganze Wochenende tragen sollten. Ich nehme hier vorweg – WIR SOLLTEN!
Generell war die Hierarchie eine klare. Frauen bedienen, Männer zapfen. Und geatmet wird nicht. Es gibt die Mittelklasse und die Knechte. Raten sie, wer wir waren. Nach einer Stunde wurden wir abgezogen, weil zu viel Zeit zum atmen war und der Kollege meinte, er melde sich. Und so saßen wir wieder an der Straße und warteten auf irgendetwas. An diesem Punkt angelangt beschlossen wir, Alkohol zu trinken, und so saßen wir vorm Eingang, auf dem Bürgersteig, in einem Beck`s Shirt und tranken - Beck´s. Falls alles noch schlimmer kommen sollte, hatten wir vorsorglich noch eine Flasche Wodka im Gepäck. Ich nehme auch hier vorweg – ES SOLLTE.
Einige Zeit später kam ein Anruf von eher militärischer Natur. „ KOMMT SOFORT ZURÜCK.“
Und so wurden wir dem Todesstand zugeteilt und hörten auf zu atmen. Direkt vis a vis der Bühne gab es nur eins…rennen… ohne Unterlass. Als The Hives ihren Auftritt hatten, gab es kein Nachkommen mehr. Und je später es wurde, desto mehr ließ das Benehmen der Gäste nach. Sie bollerten mit den Bechern auf der Theke rum, um Beachtung zu bekommen, die ich ihnen zwei Strafminuten länger verweigerte. Und gegen eins wurden wir mit einem achtlosen Winken in den Feierabend geschickt. Und erst dann merkten wir, das wir Rücken und Füße hatten. Es war bitterkalt geworden…Wir kletterten über die Theke in die kleine Freiheit, die nach wenigen Sekunden begossen wurde, mit einem erbarmungslosen Regenschauer. Und dann standen wir da, bis auf die Unterwäsche nass, hungrig und müde. Ich glaube, dass ich noch nie so gefroren habe, wie in dieser Nacht. Und alles, was wir hatten, war eine Flasche Wodka.
Da die Taxizentrale völlig überlastet war, mussten wir den Heimweg per pedis antreten. Und zur allgemeinen Freude lagen nicht nur die Pullover und der Regenschirm im Zelt. Nein, auch die Taschenlampe. Wir hatten zwar die Batterien dabei, nicht jedoch die Taschenlampe. So stiefelten wir im strömenden Regen an der Verra entlang durch den dunklen Wald. Am Zelt angekommen, und völlig unterkühlt haben wir uns dann für einen Streit entschieden. Und was wäre schöner, als dann noch ein kleines Gimig, was dem ganzen die Krone aufsetzt. Die Luftmatratze hatte ein Loch und so flogen über die Heringe sämtlicher Nachbarzelte auf der Suche nach einer Luftpumpe. Wir wurden fündig bei dem Mann , der uns verbal so geholfen hatte am Anfang und ich ihn da so gern mit meiner Eisenstange im Vorbeigehen befruchtet hätte. Man erinnere sich : „Schwierigkeiten hatte ich auch . TSCHÜSS!“
Aber so hatten wir Ruhe in dieser Nacht, und lagen zumindest 2-3 Stunden halb gepolstert. Der nächste Tag kann nur besser werden, denkt man sich. Und während ich mich in meinen feuchten Schlafsack igelte, dachte ich an Reue.
Am nächsten Tag wachten wir unter Hitze auf, die Sonne schien erbarmungslos auf unser kleines grünes Zelt und die Kälte der Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen. Wir fieberten.
Weil wir keine Zeit hatten, am Vortag einkaufen zu gehen, spülten wir den Ärger der vergangenen Nacht mit Wodka runter. Um neun Uhr früh. Es war ein schöner Moment. Da wir bis dato nichts gegessen hatten, beschlossen wir nach der Dusche einkaufen zu gehen. Doch auch das sollte sich als Königsdisziplin erweisen.
Wir stolperten Richtung Innenstadt und standen völlig ideenlos im Supermarkt. Bis uns einfiel, dass wir weder Messer noch Gabel, geschweige denn einen Dosenöffner mit hatten. Was das ganze ungemein einschränkt. Fragen sie an dieser Stelle bitte nicht nach Tellern. Doch eines haben wir gelernt. Gehe niemals nüchtern zu so einer Arbeit. Und so dachten wir, dass das Bier uns nach vorn bringt. Und mit Waffeln und Obst bewaffnet, geschmückt von einer Fischkonserve, einem Glas Würstchen und Brot pilgerten wir zum Zelt zurück und hielten unsere Köpfe in die Sonne. Irgendwann lies sich der Chef dazu herab, uns via SMS zu sagen, dass wir um acht anfangen dürfen, zu arbeiten. Man erinnere sich an die vorherige Ankündigung einer guten Verdienstmöglichkeit. Und nachdem wir mental „geladen“ hatten, traten wir in Aktion ,zogen wieder unsere Becks Shirts an und wanderten – genau –zum Festplatz. Unsere Nachbarn speisten unsere Aktion mit großer Beachtung, da sie uns den ganzen Tag im Zelt liegen und trinken sahen und wir gewirkt haben müssen wie Jogginghose und Alditüte.. Doch diesmal mit Jacken bepackt , die wir vorher im Doppelpack bei C&A erworben hatten, einem Schirm , der Taschenlampe und ja, auch Wodka und Bier. Und da wo wir am Tag zuvor noch im Becks Shirt saßen und Becks tranken, während wir darauf warteten, wieder arbeiten zu können, saßen wir nun mit geschlossener Jacke und tranken Krombacher, und unser Hass stieg. Viele werden sich fragen, wieso zum Henker wir nicht einfach nach Hause gefahren sind. Die Antwort ist einfach, hier ging es nicht mehr ums Geld, hier war Krieg und wir wollten niemandem den Triumph gönnen.
Wir versuchten über die Situation zu lachen, und so hatten wir schon einige Biere getrunken, ehe wir in den Stand gingen, der heute ein anderer war und zusammen mit einem jungen Mann, dem es ähnlich auf die Nerven ging, den Abend verbrachten. An diesem Abend habe ich gezapft, wie noch nie zuvor jemand gezapft hat. Und zu dritt hatten wir sogar so etwas wie Spaß. Hinterher wollten wir feiern gehen, um dem ganzen etwas Gutes abzugewinnen, und nachdem die Ärzte wieder von der Bühne waren und die letzten betrunkenen Feiermeier Richtung Ausgang stolperten, verließen auch wir das Gelände. Setzten uns wieder auf unseren Bürgersteig und tranken Bier mit Jesus, unserem Mitarbeiter, der sich diesen Namen aufgrund seiner Herzensgüte wohlverdiente.
Doch mit Party war im Endeffekt nicht mehr viel, denn diese Nacht war noch kälter und weil wir eh schon Rücken und Füße hatten, wollten wir nicht auch noch Blase kriegen und so verschoben wir das Feiervorhaben auf den letzten Abend und wateten - jep, wieder zurück zum Zeltplatz, auf dem die Matratze darauf wartete, aufgepumpt zu werden und die Würstchen, zu denen ich schon auf dem Heimweg eine telepathische Verbindung hatte, darauf gegessen zu werden. Unser Freund Wodka war auch dabei . An diesem Abend entschied ich mich für Bier und meine Freundin sich für Direktkoma und so lag ich noch eine Weile wach in meinem Schlafsack und bangte auf den kommenden Tag.
14 Stunden später wachte ich auf, und es stank, wie es noch nie zuvor gestunken hatte. Jetzt werden sie denken, es waren die Becks T-Shirts, aber es war etwas anderes, was ich kurze Zeit später auch lokalisieren konnte. Nachdem wir beide wach waren, und dachten, dass Wodka morgens auch nicht anders als abends schmecken kann, und wir unser Leben sowieso hassten, gab es selbigen zum Frühstück. Als ich darauf eine Zigarette rauchen wollte, merkte ich, dass die ganze Schachtel in einer undefinierbaren, nach Wurstwasser duftenden Plürre schwamm. Und ehe ich realisieren konnte, dass das gerade real ist, stolperte meiner Freundin eines ihrer legendären „Hupps“ raus, gekoppelt mit einem verzweifelnden Lächeln, da die gute ein paar Stunden zuvor im Halbschlaf Würstchen gegessen hatte, danach direkt zurück ins Koma fiel, ohne den Deckel auf das Glas zu schrauben und dieses bei der nächst besten Bewegung in die Horizontale kippte.
Ich sage nicht, was ich in diesem Moment gern mit ihr getan hätte. Aber ich dachte dann, dass die Tatsache, dass ihr komplettes Handtuch den Saft aufgesogen hatte, Strafe genug sein muss und empfand es als super Idee, den Wunsch nach einer Dusche zu äußern. Und im Grunde genommen hatte es ja eh nicht schlimmer werden können. Als wir aus der Dusche zurück zum Zelt kamen, und sie die 2 cm Wurstwasserfreie Zone auf ihrem Handtuch vollausgenutzt hatte, saßen unsere Nachbarn gemeinsam draußen und grillten. Ich weiss nicht genau, ob es Mitleid oder etwas anderes war, was in ihren Blicken lag. Also legten wir uns in unser Wurstzelt und zum ersten Mal hatte ich nicht mal mehr Lust, mich zu betrinken. Am liebsten hätte ich mich ins Gras geworfen und auf den Blitzschlag des Herrn gewartet,aber den Gefallen tat er mir an diesem Tag nicht. Meine Freundin hatte unterdessen die sechste Paracetamol im Blut. Sie sagte, sie hätte Zahnschmerzen, ich glaube, sie hätte es nicht anders ertragen und so fristete ich mein Dasein doch noch mit meinem Freund Wodka, wir telefonierten mit der Aussenwelt und wurden depressiv. So saßen wir bei Regen in unserem Wurstwasserzelt, verschmähten aus falscher Bescheidenheit die Grillwurst unserer Nachbarn, die diese uns anboten und hinterher dezent auf den Grill liegen gelassen haben und versteckten uns in unserem Zelt, weil es zu peinlich gewesen wäre, erst die Wurst zu verschmähen und danach auf der Plastikverpackung der Velourmatrazze die Fischkonserve aufzumachen und furztrockenes Brot dabei zu essen. Und nein, auch hier – kein Besteck.
Irgendwann waren wir so weit, nach einem theologischen Grund für diese Reifeprüfung zu suchen. Und weil wir keine Antwort darauf fanden, stand für mich noch mehr den je fest, diesen Abend auszufeiern. Und so stratzten wir ein letztes Mal los. Ich habe dieses Shirt so gehasst, dass ich es erst unterwegs in einer dreckigen kleinen Ecke an einer Brücke angezogen habe. Und jeder kann sich vorstellen, was das für ein Bild gewesen sein muss. Zwischen leeren Bierpullen und Vogelscheisse stehend haben wir uns eine kleine Umkleidekabine geschaffen. Es war zum heulen schön. Wir haben an diesem letzten Abend wieder mit Jesus gearbeitet und kurz nach Mitternacht und einem Streit mit einem 1,50m großen Kollegen- Pöbel, der glaubte, wir seien seine Knechte, haben wir die Todeszone verlassen und das in Bier und Wurstwasser getränkte Shirt hinter einem Auto wieder ausgezogen. Wir haben bei unserem Chef einen Teil des Geldes abgeholt, mitten in der Nacht , hinter einem Hot Dog stand, und bei der Summe und dem Gedanken an die vergangenen seelisch entjungfernden 48 h habe ich kurzerhand einen Lachanfall bekommen. Dieses Ende mussten wir begiessen und so liefen wir geradewegs auf den Tequila Stand zu und lernten bei Tequila und Caipirinja den Zwillingsbruder von Assi Toni kennen, der von Beruf Müllmann war, und ihn dieser Job, nach eigener Aussage, unglaublich HART gemacht hat. Es begann wieder zu schütten und man könnte meinen, es sei ein idyllisches Bild, wie wir da saßen, endlich ganz im Frieden. Doch musste Murphy nicht zum letzten mal seinen nackten Hintern aus dem Fenster halten und so erwischte mich kurz vor Empfindung „Zufrieden“ ein ordentlicher Schwung Regenwasser vom Zeltdach des Standes. Was war die lustige Konsequenz – ich zog wieder mein Becks Shirt an. Jetzt musste getrunken werden. Wir knöpften dem Chef des Ladens noch eine große Flasche Tequila ab und zogen weiter, suchten uns Freunde, die eh schon nicht mehr konnten und tranken ..SIERRA….
Natürlich haben wir unterwegs unsere Zigaretten verloren. Warum auch nicht und so freundeten wir uns auf der Suche nach einem Automaten noch mit der Security an und pinkelten vor irgendeine Hauswand, weil wir auf Krawall gebürstet waren und mir verboten wurde mit dem Schlüssel am Auto unseres Chefs langzugehen.
An dieser Stelle und bevor ich zum krassen Teil des Abends komme ein Hinweis .
EIGENTLICH sind wir gesittete Menschen.
Wir wollten nun endlich einmal zum Zeltplatz , auf dem die Feiermeier wohnten , aber weil wir dekadent sind und Füße hatten, haben wir uns ein Taxi gerufen, mit dem wir dann erst zur Tankstelle gefahren sind um weiteren Alkohol zu kaufen und danach Richtung Zeltplatz. Auch hier lachte Murphy wieder, denn wir sind wieder nicht auf den Platz gekommen. Und weil Rainer gerade nicht da war haben wir mitten in der Nacht „Helga“ gebrüllt und uns vor den Zaun des Zeltplatzes gesetzt und ein bisschen Ost- West Feeling getankt. Es dauerte nicht lange und ein betrunkenes Paar kam, was auf dem Weg zum nahegelegenen Baggersee war und fragte uns wieso wir nicht einfach den Zaun auf illegale Weise passieren würden. Gesagt- getan. Und so wateten wir über den nassen Rasen auf der Suche nach einer Community , die uns bespaßt. Die Community fanden wir. Und was für eine. Umgeben von unzähligen leeren Bierflaschen, einem kaputten Planschbecken, saßen sie zusammen. Bestehend aus einem selbsternannten Kanzler, einem stummen Lebenslegatheniker, einem Geflecht von 4 Händen, was sich über den Boden kugelte und verschlang, einem nüchternen Depressivum, einigen undefinierbaren Gestalten, einer Überehrenamtlichen und einem 17- jährigen Lachsack und ja, schliesslich aus Jesus und uns. Die Sonne ging auf, Jesus war schlafen gegangen und ich krachte im Vollrausch mit meinem Stuhl um, während meine Freundin rauchte wie ein Weltmeister. Und hier und da floß das Bier noch. Hinter uns die Leute die inzwischen WiEDER wach waren und lieber nicht an unserem Gespräch teilhaben wollten. Es wäre sicherlich unter einem gewissen Pegel keine Bereicherung gewesen. Und so gönnte uns Murphy diese Stunden und als die Sonne wieder Hoch am Himmel stand machten wir uns mit dem letzten Bier zu zweit auf den Heimweg um das Wurstwasserzelt einzutüten und die Heimreise anzutreten. Ohne meine Freundin wäre ich an diesem Morgen wahrscheinlich in der Heide gestorben. Es muss ein witziges Bild gewesen sein, wie ich auf das Wasser des Baggersees zugerannt bin, meine Bierflasche dabei das zeitliche segnete und ich in meiner volltrunkenen Euphorie dachte, ich sei am Mittelmeer und kurz davor über meine eigenen Füße gestolpert bin und plötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Sie rief mich und so richtete ich mich wieder auf und während wir am Wasser lang gingen und ich an dieser Stelle ein paar kleine Details auslasse, fanden wir uns auf einmal IM See wieder.
Ich weiss nicht, ob sie diese deutschen Fernsehproduktionen kennen, in denen irgendwelche Jugendlichen auf so kleinen Holzflößen liegen und tiefschürfende Konversation betreiben. Zumeist mit Robert Stadlober in der Protagonisten Rolle. Und zumeist auch wirklich schlecht. Genau auf so einem Holzfloß wollte ich schon immer einmal liegen und während wir schwammen, fanden wir so eines, kletterten darauf und blieben eine Weile liegen. Die tiefschürfende Konversation blieb aus, zumindest erinnere ich mich nicht mehr daran, aber es entschädigte mich für jeden schwarzen Augenblick, von denen es eine gute Auswahl gab und erfüllte mir einen kleinen Wunsch. Wieder an Land merkten wir, dass wir weder Handtuch noch etwas anderes dabei hatten und so stapften wir in Unterwäsche völlig betrunken über den Campingplatz auf unser Zelt zu und raten sie, wer gegenüber draussen saß?? – Die Nachbarn, bei denen der entstandene Eindruck des Wochenendes von uns nun sicher perfekt war. Davon unbeeindruckt ließen wir uns auf die luftleere Matratze fallen, führten Telefonate, an die wir heute kaum noch Erinnerung haben und begingen einen riesen Fehler- Schlafen.
Eine Stunde später rüttelte Murphy am Zelt. Guten Morgen Realität, der Zug fährt weg. Ich habe noch nie so schnell geduscht und ein Zelt verpackt. In rasender Geschwindigkeit rammelten wir in unserer Parzelle rum und schockten unsere Nachbar mit vorabendlicher Aktivität ohne Becks Shirt.
Eine Stunde bevor der Zug fuhr waren wir fertig, nicht nur mit dem Gepäck, sondern auch mit den Nerven. Ich rief ein Taxi, das nie kam. Ein anderes, das auch nie kam. Und so riefen wir schliesslich Jesus an und sagten, dass wir diesen Zug nicht mehr kriegen werden. Doch er wäre nicht Jesus, wenn er nicht 5 min später mit dem Auto seines Verwandten um die Ecke gekommen wäre. Wir streckten Murphy die Zunge raus, stiegen ein und Murphy wurde so aktiv, wie er noch nie zuvor aktiv war.
Wir sahen den Zug noch aus dem Bahnhof fahren, als wir aus dem Auto stiegen. Und so saßen wir mit ein paar selbsternannten Gitarristen an einem Montagmittag in der Sonne. Die Taxen waren überlastet, die Autovermietungen ausgebucht und wir saßen wieder da, wo wir vor drei Tagen ankamen. An der Pforte zur Hölle.
Und diese drei Tage haben uns die perfekte Ausbildung für einen Job im Hades geboten.
Murphy winkte uns noch hinterher und neben unseren Kinderseelen hielt er noch 2 Dinge in der Hand. Ihren Haustürschlüssel und meine Jacke.
Was für ein Wochenende. Danke Scholli ! J Ich werde mich revanchieren.
Mittwoch, 25. Juni 2008
Und täglich grüßt das Murmeltier.

Dies hier war ein Themenwunsch, dem ich nun endlich nachkomme.
Hier also nun eine kleine Gedankenlawine zum Sprichwort: Man merkt erst dann, was man hatte, wenn man es verloren hat.
Es wundert wohl keinen, dass daran etwas ist, schließlich kann man es auf nahezu alle Situationen unseres Lebens projizieren. Und Wertschätzung dessen, was sich in unmittelbarer Umgebung befindet, darin tun sich nicht wenige schwer.
Der Mensch gewöhnt sich eben schnell. An die Aussicht aus dem Wohnzimmerfenster, die luxuriöse Badewanne, den besten Freund, ja, den eigenen Partner.
Irgendwann wird all das mehr und mehr zum Inventar des eigenen Lebens. Gegenstand des täglichen Seins. Wir haben es einfach, es gehört uns. Ganz selbstverständlich setzen wir uns an den gedeckten Frühstückstisch , und würdigen die einfallende Morgensonne zusammen mit unserem , sich in der Scheibe spiegelnden gegenüber keines achtsamen Blickes, denn die Zeitung will gelesen werden. Schließlich muss man als Mann und Frau von Welt doch wissen, was die Welt uns zu sagen hat. Ehe wir uns versehen, ist der Toast runtergewürgt, der letzte Schluck in der Kaffeetasse längst kalt und das Tageswerk will vollbracht werden. Manchmal haben wir Glück und die Zeit reicht noch für einen Kuss auf die Stirn, aber das ist eher selten.
Und Jahr um Jahr kleidet sich die Natur von neuem und wirft , ehe man es merkt alle längst eingefärbten Blätter wieder von sich. Und alles was bleibt ist unser Klagen, weil es entweder zu kalt , zu nass oder zu heiss ist.
„Das ist ja auch alles kein Wunder“ denken wir uns „im Sumpf der globalen Erwärmung“, während wir an der Tankstelle stehen und das Zahlenrädchen sich hinter uns unaufhörlich dreht.
Abends sind wir entweder allein , beim Partner, den Freunden oder anderen. Und nur selten erinnern wir, dass es mit jedem dieser Menschen eine allererste Begegnung gab.
Wo auch immer, unter welchen Umständen, gewollt oder ungewollt, muss es sie gegeben haben. Und sicherlich haben wir uns viel einfallen lassen, und keine Mühen gescheut, damit der ein oder andere heute den Platz in unserem Leben einnimmt, den wir uns für ihn vor Zeiten erdacht haben. Wie glücklich waren wir, in diesen Momenten, da der erste Blumenstrauss kam, oder ausging, der beste Freund das erste Mal weinte und tröstete, die erste Flasche Wein gelehrt wurde.
Erinnern wir uns an die Aufregung 5 Min. vor der ersten Verabredung?
An die Kleiderauswahl in der Stunde vor den 5 Minuten?
Was haben wir uns ins Zeug gelegt.
Und heute Abend kommt man nach Hause, lässt die Tasche auf den Boden fallen und der warme Kuss bleibt, auch heute wieder, aus.
Der Anruf beim besten Kumpel, mit dem wir damals beim ersten Bier so gelacht haben, findet heute, wie gestern, ebenfalls nicht statt. Denn er versteht das doch. Freunde verstehen schließlich alles und seine Problemchen sind eh gemessen an den eigenen , keine.
Und im Grunde will man einfach nur seine Ruhe, weil alles so furchtbar monoton geworden ist und man im Grunde seines Herzens darauf wartet, dass das Glück an der Tür klingelt und man noch einmal das spürt, was man damals schon gespürt hat. Das längst vergangene Glück vor der Zeit,und von der sich in ihr ausbreitenden Gewohnheit zerfressen, sitzt man da, guckt durch den Spiegel hindurch und hat aufgehört, sich nach der anderen Person im Raum umzudrehen. Schließlich ist sie auch morgen noch da.
Gähnend verlässt man den Tag und hat keine Zeit mehr, sich einen Traum zu wünschen, ehe der Wecker erneut zum Appell ruft.
Ist dies nun der Tag, da man sich umwendet und es einen wie ein Blitz durchfährt, wenn man merkt. Der Raum ist leer.
Als erstes fehlt der gedeckte Tisch, dann die Zeitung und über die Zeit endlich der andere selbst.
Das Erinnern beginnt und mit ihr der Wehmut. Vielleicht setzt hier endlich die Wertschätzung ein. Dessen was man hatte.
Fährt die Bahn nur einmal in der Stunde weinen sie der Zeit nach, in der sie alle 2 Minuten kam.
Es ist schmerzlich, denn, ganz gleich ob es nur die Gewohnheit trotz Liebe oder selbige mit sinkendem Gefühl ist, die uns trennt, in beiden Fällen greifen wir ins Nichts.
Und dann, nach einiger Zeit, steht vielleicht wieder jemand im Raum, vielleicht die Person, die ehemals schon dort stand, vielleicht eine andere, eine neue, an der man sich gar nicht satt sehen kann.
Endlich wartet man wieder sehnlichst auf den Anruf des besten Freundes, findet man wieder eine Station, in der die Bahn aller 2 Minuten fährt.
Wen packt da nicht die Angst vor dem Tag, an dem auch das wieder Alltag ist.
Der Mensch versucht sich gegen das böse Gefühl der Gewohnheit zu wehren.
Ich möchte nicht sagen, dass beispielsweise eine Hochzeit ein Mittel gegen Langweile ist. Aber der Mensch liebt die Steigerbarkeit der Dinge. Und sicherlich sind diese Spannend.
Man will mehr und mehr. Nicht umsonst streben wir so gern und werden schnell unglücklich, wenn wir resignieren.
So folgt auf einen Blick ein Wort, auf eine Berührung ein Kuss, auf eine Emotion eine Beziehung und wenn man es dann noch will auf eine Verlobung die Ehe.
Stufe um Stufe erklimmen wir. Und je höher man kommt kommt, umso größer der Balanceakt und umso schmerzlicher der Fall.
Sehen wir hin und wieder herunter, sehen wir, dass nicht nur wir all das zurückgelegt haben, sondern auch noch jemand mit uns. Fragen wir uns, warum das so ist. Erinnern wir uns an die Motivation des ersten Schrittes.
Wieder herab zu steigen vermag manchmal gut und nötig zu sein, so traurig dies auch ist. Nicht mehr zu erinnern, wieso wir überhaupt da sind, wo wir sind, hingegen, ist ein Trauerspiel.
Sonntag, 8. Juni 2008
Wartezeit
Ich denke schon seit langer Zeit über die Bedeutung des Wortes Vergebung nach. Sicher befand sich jeder schon einmal in beiden Rollen, die unabdingbar zueinander stehen. Einer der vergibt und einer , dem vergeben wird.
Doch was bedeutet Vergebung folglich. Wer brauch sie, hat sie eine Grenze und vor allem, wie lange dauert sie? Kann das jeder?
Gut, zumindest scheint sie immer subjektiv, denn die Geister scheiden sich, wenn man fragt, ob es Dinge gibt, die ein Leben lang unvergeben bleiben. Einige stimmen dem zu, andere wenden sich vehement dagegen und faszinierender Weise kommt hier das Wort „Gott“ zum Einsatz. Und spätestens dann wird die Angelegenheit kompliziert.
Nicht nur, dass es unzählige Arten der zwischenmenschlichen Beziehung gibt, dass es tausende von Dingen gibt, die einem der beiden Schmerz zufügen, auf den dann „irgendwann“ die Vergebung folgt, nein, all das reicht nicht, wir haben noch das transzendente Medium, auf das viele gerne zurückgreifen, wenn gar nichts mehr geht.
Die Frage geht weiter. Was muss man überhaupt tun, um einen Anspruch auf Vergebung zu haben, hat man je überhaupt einen „Anspruch“ darauf, oder kann man nur nach besten Wissen und Gewissen sein Bedauern zum Ausdruck bringen und die Zeit ihr übriges tun lassen?
Zeit, ein weiterer Faktor , den es zu bedenken gilt. Nichts geschieht sofort. Und hier sehe ich eine besondere Schwierigkeit. Der Mensch befindet sich Zeit seines Lebens mehr oder weniger im Sumpf der Konflike. Jeder, der schon einmal diese Art von Schmerz erlitten hat, weiß, dass es Zeit braucht um die Dinge für sich zu sortieren, ihnen Namen zu geben und sie schlussendlich einzusortieren in den grossen Schrank der Erinnerungen, die uns prägen. Manche glauben ihr Leben lang, ein Ungleichgewicht der Erinnerungen zu haben, wenn man sie in gute und schlechte unterteilt. Und bei vielen von ihnen mag das auch stimmen. Im Grunde bei allen, denn jeder hat nun einmal seine eigene Wahrheit. Manchmal kann es da ratsam sein, noch einmal zu überblicken, was man hat, was wo gelandet ist und ob man nicht doch vielleicht das ein oder andere nun umpacken kann. Denn manches Unglück kann sich als ein Glück herausstellen und ja, leider, auch umgekehrt.
Man fragt sich, worin ich die Schwierigkeit sehe. Folglich in der Zeit zwischen der Zeit. In den Momenten, in denen man vergisst, das einst farbige Bild ergraut, mehr und mehr verzehrt wird. Und am Ende nur noch ein verschmiertes Acryl zu sehen ist. Das mag manchmal gut und vielleicht auch lebenserhaltend sein, nicht umsonst ist es dem Menschen so zueigen, zu vergessen. Aber manchmal kann es auch eine Strafe sein. Nicht nur für den , der auf seine Vergebung wartet , sondern auch für den der sie geben will. Weil beide nun eine völlig konträre Zeichnung ihrer Geschichte haben, in der man sich nur schwerlich trifft. Wo vorher kleine inhaltliche Differenzen waren, die es in der besten Beziehung gibt, wird hier die ganze Zeichnung angezweifelt. In der Beziehung ist es noch die Windel, die stinkt. Hinterher das ganze Kind.
Es kann also passieren, dass zwei Menschen mit einer ähnlichen Zeichnung auseinander treten und nachdem die Zeit ihrer Flügel ausgebreitet hat, merken Sie, dass nichts mehr zusammen geht. Ein verständlicher Prozess der uns in völliges Unverständnis stürzt.Wir verzweifeln fast an den Dingen und folglich den gehaltvollen Vorwürfen, die im Gespräch nach der Zeit einschlagen , wie eine Bombe.
Es ist nicht nur die Zeit an sich, die dieses Phänomen vervorbringt, sondern die Zeit, die beide haben, den anderen zu dämonisieren, eben weil er schlechterdings das Wohlwollen des anderen durch sein „Leid zufügen“ entäußert hat.
Man teilt die Gedanken nicht mehr, weil man nicht beieinander war und mindestens einer von beiden das auch gar nicht mehr will.
Doch, ohne das vergeht keine Zeit, die dafür Arbeit, sie verflattert. Ohne das bleibt der Schmerz . Ohne Trennung kann man sich nicht wiedersehen, ein Wiedersehen, bei dem die Gemüter, nachdem sie noch einmal erhitzt sind, allmählich ruhen können, und das einste Desaster ad acta gelegt wird, unvergessen sicher immer in der Erinnerung verankert und prägend gleich noch mit dazu, aber nicht mehr glühender Lasterstein zwischen den beiden Menschen.
Kann sie das nicht sein, die Vergebung?
Aber ehe dies geschieht, muss man sich selber vergeben haben, wenn man der Reue ehrlicher Träger ist, so ist man befähigt, dies zu tun, so findet sie statt. Aus sich selbst heraus.
Ob der andere dies je wirklich tut, liegt jedoch schlussendlich in seiner Hand. Um sich ehrlich zu erinnern braucht es zwei, das sehen wir schon beim Abendmahl. Das Gebet und das Wiederfinden des eigenen Wertes jedoch, dazu sind wir allein im Stande. Und wenn man das schafft, tut es nur halb so weh, die Vergebung des anderen vielleicht nie zu bekommen.
Samstag, 7. Juni 2008
Kino der wahren Begebenheit

Wer von uns kennt das nicht. Man sitzt in der S-oder U-Bahn und findet die ganze Szenerie in selbiger auf einmal völlig skuril.
Menschen, zusammenhangslos gezwungen, einen bruchteil ihres Lebens zusammengefercht auf wenigen Quadratmetern gemeinsam zu verbringen.
Geht man in einen Laden, begegnet man sich, ist man mehr oder minder gezwungen, oder wahrt die Etikette durch ein kleines "Guten Tag" an der Kasse, der Kuchentheke, im Wartezimmer etc. In der Bahn ist das anders. Weder grüßt man noch wird man gegrüßt.
Man steigt ein, setzt sich und plötzlich wird der Punkt an der Wand, der Papierschnipsel auf dem Boden, die herumkullernde Flasche unter dem Sitz oder die schlecht designten Werbeplakate zu einem der interessantesten Dinge auf der Welt. Und dann, ganz plötzlich , aus dem Augenwinkel sehen wir, was uns eigentlich interessiert. Unseren Gegenüber. Wir mustern ihn, in der Hoffnung, dass er es nicht bemerkt, bewerten still den Modestil, die Frisur, seine Art zu sitzen und nicht zuletzt den Ausdruck in seinen Augen.
Schaut das Objekt unseres Interesses jedoch zurück, fühlen wir uns ertappt. Sofort wandert der Blick zurück zur Flasche, die inzwischen wieder nach links gerollt ist.
Ich frage mich, woran es liegt, dass wir inkognito sehen wollen und wir uns manchmal regelrecht angegriffen fühlen, wenn jemandes Blicke auf uns verweilen.
Vielleicht denken wir, der andere will uns etwas wegnehmen, bewertet uns, wir haben etwas im Gesicht, und eben dewegen wollen wir auch lieber im verborgenen Gucken, weil wir das Gefühl des anderen kennen. Wer will schon gern in die Position des Voyeurs rücken. Dabei sind wir es, oder?
Ich bin heute einmal ganz bewusst in diese Rolle geschlüpft, denn sich unbeobachtet fühlende Menschen sind wie sie sind. Ihnen entgleiten sprichwörtlich einmal die Gesichtszüge, denn wer sollte es merken.
Da haben wir eine Frau, die wild gestikulierend in ihr Handy brüllt, einen jungen Mann, der versucht, den Tagesspiegel in ein handgerechtes Format zu bekommen, ihm Vis a Vis ein anderer Mann, der sich mit der Literatur Isabell Allende quält. Zu meiner linken mein eigenes Spiegelbild, die weissen Stöpsel im Ohr warte ich auf die nächste U-Bahn station und neue nach unten hängende Mundwinkel, die mein Leben für ein paar Stationen unter Tage einer Metropole streifen. Ich sehe eine Frau, die Mühe hat,ihren großen grauen Koffer in der Waggon zu zerren, andere die ihr anteilnahmslos dabei zusehen, keiner regt sich. Würde sie das überhaupt erwarten? Oder sind wir schon so sehr daran gewöhnt, dass wir gerade zu schockiert wären, wenn doch jemand hilft. Ich bleibe sitzen. Eine andere Frau rennt die Treppe runter und kommt dem roten Leuchten einer sich schließenden Tür zuvor. Schwer atmend setzt sie sich neben mich. Kramt in ihrer Tasche. Sie duftet nach Blüten nach Frühling. Ich sehe in ihr Gesicht. Nur kurz. Sie scheint fröhlich. Ich sehe die Menschen, und ihre Gesichter. Es ist ein Samstag Mittag in der nie müde werdenden Stadt. Ich frage mich, wohin die Leute fahren. Manche strahlen die Freude auf eine Verabredung aus, andere die Freude auf einen ruhigen Abend, wieder andere warten vergeblich auf eine Verabredung. Viele verbringen den Abend allein. Kurz bevor auch ich die Bahn verlasse, sehe ich die Hoffnung. Ein altes Ehepaar, er steht , sie sitzt, beide Hand in Hand sieht sie hoch zu ihm und auch nach so vielen Jahren, die sie sicher schon zu ihm gesehen hat, scheint er es nicht müde, ihren Blick mit einem Lächeln zu quittieren.
Sie sehen mich an und sie sehen, dass ich sie sehe.
Ich steige aus und ich weiß, dass ehe die Tür sich schliessen wird, die beiden mich vergessen haben.
Zeitweilig...
Ich werde nun einmal mein Ohr in die Massen werfen und versuchen, zu hören, was die Welt in Atem hält...
...und keine Sorge, dies wird kein Repetitorium des Tagesspiegels, denn dafür habt ihr ja.....den Tagesspiegel...ich interessiere mich mehr für die Dinge, die es nicht in die Zeitung schaffen.